Verschiedene Religionen gibt es aus demselben Grund, aus dem es viele Wege auf einen Berg gibt. Wenn der Berg groß genug ist, führen viele Pfade zu seinem Gipfel, weil einige Bergsteiger einen Weg in die Höhe einschlagen, andere einen anderen. Nach vielen Jahren sind manche der Wege auf den Berg stärker ausgetreten, weil die Bergsteiger festgestellt haben, dass diese Wege brauchbar sind und zum Gipfel führen, ohne dass sie sich unterwegs verirren. Aber es kommen auch ständig neue Bergsteiger an den Berg, und manche von ihnen möchten nicht die ausgetretenen Pfade benützen. Deshalb probieren sie neue Wege aus. Manchmal schlagen sie einen guten neuen Weg zum Gipfel ein, manchmal verirren sie sich. Einen neuen Weg zu beschreiten ist schwer, weil man nicht weiß, ob er einen ans Ziel bringt.
So eine Art Berg erklimmen auch alle Menschen, die Gott suchen. Die verschiedenen Wege zum Gipfel sind dabei unsere verschiedenen Religionen. Wir sind die Bergsteiger. Der Gipfel des Berges ist der Ort, an dem wir Gott begegnen. Gott freut sich darüber, dass es so viele Wege gibt, denn das bedeutet, dass jeder einen anderen Teil des Berges kennen lernen kann. Es bedeutet auch, dass mehr
Menschen auf den Berg klettern können, weil es mehrere Wege zum Gipfel gibt. Gott freut sich, dass so viele Wege _ auf den Berg führen. Gott liebt alle Bergsteiger, und Gott hilft jedem Einzelnen bei seinem Aufstieg.
Früher einmal, vor langer Zeit, gab es keine Wege auf den. Berg. Dann kam eine Gruppe sehr guter Bergsteiger. Die ersten Bergsteiger waren Juden. Sara, Abraham, Rachel, Mose, Jesaja und viele andere. Abraham war der erste Kletterer, und Mose war der beste, den die Juden je im Einsatz hatten. Der älteste Weg auf den Berg ist der, den diese jüdischen Bergsteiger bahnten. Juden ersteigen den Berg auch heute noch auf diesem Pfad.
Nach einiger Zeit schlugen einige der jüdischen Bergsteiger einen neuen Weg zum Gipfel ein. Zu ihnen gehörten Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Maria, Petrus, Paulus, Jakobus und viele andere. Sie folgten einem neuen Weg. den ihnen Jesus zeigte, von dem sie glaubten, er sei der Sohn Gottes. Der neue Weg war gut. Er führte ebenso zum Gipfel des Berges wie der jüdische Weg. Die neuen Bergsteiger, die beschlossen hatten, Jesu Weg auf den Berg zu nehmen, nannten sich Christen. Ihren Weg benützten viele Menschen, und sie gelangten zum Gipfel des Berges, und auch jetzt kommen auf diesem Weg noch viele Menschen dorthin.
Dann schlug ein Bergsteiger namens Mohammed einen neuen, eigenen Weg ein. Viele Menschen folgten ihm auf dem Weg zum Gipfel, den er ihnen gezeigt hatte, und diese Bergsteiger nannten sich Muslime.
Nach langer Zeit, als schon viele Bergsteiger den alten christlichen Weg beschritten hatten, teilte sich dieser Weg, und manche Christen gingen auf dem alten Weg weiter, andere auf einem neuen, der aber nahe beim alten Weg lag. Von den christlichen Bergsteigern nannten sich manche Protestanten, manche Katholiken und manche orthodoxe Christen.
Aber schließlich führen alle diese Wege zum Gipfel des Berges. Als die Bergsteiger oben ankamen, geschah etwas Wunderbares. Sie sahen, dass der Gipfel des Berges der Himmel war und dass sie dort Gott begegneten. Als sie sich umschauten, sahen sie Licht und Farben und zahlreiche ganze Familien beisammen. Manche dieser Menschen auf dem Gipfel des Berges waren alt, manche jung. Sie sahen auch Tiere auf dem Gipfel des Berges, und sie fühlten sich innerlich so froh, dass sie einfach zu singen und zu tanzen anfingen.
Die jüdischen und die christlichen und die muslimischen Bergsteiger waren erstaunt und sehr glücklich, als sie erfuhren, dass der Berg so gewaltig ist, dass auch noch aus anderen Richtungen Bergsteiger zum Gipfel kommen. Die Wege, denen sie folgten, unterschieden sich vom jüdischen, christlichen und muslimischen Weg, aber sie führten ebenfalls zum Gipfel. Diese anderen Wanderer hießen Hindus. Dann kamen Bergsteiger, die auf dem Hinduweg begonnen und dann einen neuen, eigenen Pfad eingeschlagen hatten, und sie hießen Buddhisten. Und es gab genug Platz für alle!
Auf dem Weg zum Gipfel des Berges trifft man vielleicht Wanderer, die einem sagen: „Unser Weg ist der einzige Weg auf den Berg! Kein anderer Weg führt zum Gipfel. Wenn du den Gipfel dieses Berges erreichen willst, verlässt du besser den Weg, auf dem du gerade bist, und folgst unserem Weg. Wenn du das nicht tust, wirst du nie auf dem Gipfel ankommen, das wissen wir ganz genau.“ Es ist gut, dass diese Bergsteiger so zufrieden sind mit ihrem Weg, aber es ist nicht gut, dass sie anderen Wanderern nicht die Möglichkeit geben wollen, auf ihrem eigenen Weg zum Gipfel zu gelangen. Diese Bergsteiger haben das Wichtigste vergessen: Viele Wege führen auf den Gipfel! Diese Bergsteiger wissen nicht genug über das Bergsteigen oder über den Berg. Wenn ihr also auf eurem Weg solchen Bergsteigern begegnet, dann versucht, Geduld mit ihnen zu haben und ihnen beizubringen, dass viele Wege zum Gipfel hinaufführen.
Allerdings erreichen nicht alle Bergsteiger den Gipfel des Berges. Manche denken, dass es zu lange dauert, bis sie oben sind, und geben auf. Manche denken vielleicht, dass dort oben nichts Besonderes zu sehen ist, und geben deshalb auf. Manche fürchten vielleicht, dass sie nicht genug Kraft haben hinauszukommen, und geben auf. Und manche schlagen falsche Wege ein. Aber gebt nicht auf! Gott möchte, dass ihr auf dem Gipfel des Berges ankommt. Gott hat die Wege, die zum Gipfel führen, überall markiert. Es dauert lange, auf den Berg zu klettern, aber es macht Spaß, und ihr werdet unterwegs wunderbare Menschen kennen lernen. Gott gibt auch jedem Bergsteiger Kraft, der ernstlich bis zum Gipfel kommen will.
Denkt daran, dass wir diesen Berg alle gemeinsam erklimmen. Wenn ihr also andere Wanderer auf anderen Wegen trefft, dann bleibt stehen und unterhaltet euch mit ihnen. Erzählt ihnen, was ihr auf eurem Weg gelernt habt. Fragt sie, was sie auf ihrem Weg erfahren haben. Und vergesst nicht, euren Proviant mit ihnen zu teilen und ihnen ein paar von euren Wanderliedern beizubringen.
Wenn ihr sie wieder verlassen müsst, dann erklärt ihnen: „Ich gehe jetzt meinen Weg auf den Berg weiter, den meine Väter und Mütter mir vorgezeichnet haben. Ich wünsche euch einen guten Aufstieg auf eurem Weg. Ich werde für euch beten. Danke, dass ihr mir von dem erzählt habt, was ihr gesehen habt. Ich weiß, dass wir auf dem Weg zum Gipfel noch mehr sehen werden. Ich weiß auch, dass Weg steil ist, aber ich weiß ebenso, dass wir uns eines Tages auf dem Gipfel dieses Berges treffen werden. Da werden wir nicht mehr müde sein. Dort werden wir so weit sehen können, wie es überhaupt geht. Dort werden wir so viel lernen, wie ein Mensch überhaupt über Gott lernen kann. Dort werden wir alle zusammen sein, die Bergsteiger, die es schon lange geschafft haben, und diejenigen. die gerade jetzt unterwegs sind. Gott segne euch und viel Glück bei eurem Aufstieg zum Gipfel!“
aus: Marc Gellman / Thomas Hartmann – Wo wohnt Gott? Fragen und Antworten für Eltern und Kinder