Samstag, 24. Dezember 2011

"Weihnachten"

An diesem Tag machte sich Maria Carolina de Jesus aus Sacramento auf den Weg in die Stadt São Paulo in Brasilien, obwohl sie schwanger war; denn die hoffte, dort Nahrung und Unterkunft zu finden. Und als sie daselbst war, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte in in Zeitungspapier und legte ihn in einen alten Seifenkarton, denn man hatte keinen Platz für sie in den Krankenhäusern von São Paulo.
Und in dieser Gegend, in der Welt des Gesetzes, voll mit Kriegen und Konflikten, in der dunklen Nacht von Entwürdigung und Hunger, waren Christen auf der Wacht. Und die Klarheit des Herrn umleuchtete sie, und sie begannen, in der Finsternis zu unterscheiden zwischen dem, was wesentlich war und dem Unwichtigen. Sie begannen, an ihrem eigenen Wert zu zweifeln und an den Worten, die in der Welt Geltung haben. und sie fürchteten sich sehr.
Aber ein Freund sagte zu ihnen: "Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allen widerfahren wird, die in die Gesetze dieser Welt verstrickt sind. Denn euch ist heute der Befreier geboren. An welchem Zeichen werdet ihr ihn erkennen? Im Zentralkomitee der kommunistischen Partei werdet ihr einen Mann finden, der die Wahrheit zu sagen wagt. Ihr werdet einem Arbeiterpriester begegnen, der das reine Evangelium lebt. Und ihr werdet einen Neger treffen, der für seine Peiniger betet, einen Wirtschaftsfachmann, der keine Scheu hat, die wahren Ursachen des Hungers in der Welt zu suchen. Ihr werdet einen Buddhisten sehen, der sich als ein Zeuge gegen den Krieg bei lebendigem Leib selbst verbrennt, und euch wird ein Theologe begegnen, der auf andere hört."
Und alsbald war da bei dem Freund eine Menge von Menschen guten Willens, die lobten Gott und sprachen: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen."
W. Hollenweger / A. v.d. Heuvel

Freitag, 23. Dezember 2011

Ratschläge für Seltengänger

...oder: Was man beim Besuch des Weihnachtsgottesdienstes wissen sollte.
Am heiligen Abend wird der eine oder andere in die Kirche gehen wollen, und es wird für die meisten von uns das einzige Mal in diesem Jahr sein, daß sie ein Gotteshaus betreten. Einige hilfreiche Hinweise mögen deshalb nicht schaden.

Seltengänger tun zunächst einmal gut daran, sich vor dem Kirchgang die passende Bekleidung herauszulegen. Den Damen sei geraten, weder zu kurz noch schulterfrei zu tragen. Warm, aber unauffällig scheint angemessen.

Seltengänger beiderlei Geschlechtes sollten sich sinnvollerweise vor dem Kirchgang mittels einer kleinen Mahlzeit eine gewisse Grundlage verschaffen, da Kirchen in der Regel keine Restauratitionsbetriebe sind und auch kleinere lmbisse nicht gereicht werden. Selbst Süßigkeiten - Eiscreme oder Mon Cherie - stehen nicht zur Disposition. Auch der Verzehr mitgebrachten Knabberwerkes ist in Kirchen eher unerwünscht.

So gestärkt macht sich der Seltengänger auf den Weg. Er erkennt sein Ziel vor allem daran, daß statt der üblichen Reklamebeschriftung ein bis zwei von weitem sichtbare Türme Attraktion signalisieren.

Wir schreiten nun durch das Eingangsportal und sind zunächst überrascht von der ungeheuren Höhe des Raumes. Dies hat freilich nichts zu besagen: Dort oben spielt sich auch im weiteren Verlauf des Abends nichts ab.

Der irritiert schweifende Blick des Seltengängers wird nun vergeblich nach einer Platzanweiserin suchen - zumal der Besuch der Veranstaltung kostenlos ist und also Eintritts- oder Platzkarten nicht ausgegeben werden. Man wird sich demnach - ohne freilich zu rennen oder zu schubsen - einen Platz auf einer der aufgestellten Bänke zu erobern haben.

Nun wird, entgegen den Erwartungen des Seltengängers, weder das Licht verlöschen noch die Werbung beginnen. Vielmehr erheben sich die Versammelten zur Begrüßung eines Mannes, der im Vordergrund des Raumes die weitere Gestaltung des Abends übernehmen wird.

Bei gelegentlichen, gemeinsamen Gesängen sei dem Seltengänger geraten, weder lauthals ihm unbekannte Lieder zu improvisieren, noch bei rhythmischen Stellen in das beliebte Schunkeln zu verfallen, etwa mit Hilfe untergehakter Nachbarn.

Im Falle von zu absolvierenden Gebeten empfiehlt sich dem Seltengänger ein gesenkter Blick und das Verschränken der Finger. Und zwar verschränkt man seine Finger nicht in die der Nebenstehenden, sondern in die eigenen. Eine kleine Hilfestellung: in fehlerfreier Haltung betet der Seltengänger, wenn er bei diesem Ritual seine Hände etwa so hält, als ob er seinen Wellensittich erwürgen wollte.

Im weiteren Verlauf des Abends wird der Solist im Vordergrund einen erhöhten Platz erklimmen, um von dort aus eine Rede zu halten. Da darf nun, am heutigen Abend, mit der Weihnachtsgeschichte gerechnet werden.

Hier scheint ein kleiner Hinweis für Seltengänger angebracht: Bei dem Kind, das in diesem Zusammenhang Erwähnung finden wird, handelt es sich um die gleiche Person, die wir im Vordergrund des Raumes unschwer als einen ans Kreuz genagelten Herrn erkennen können. Dies nur, damit Sie auch das Ende der ganzen Geschichte kennen, von dem heute Abend Freilich nicht die Rede sein wird.

Der Mann auf der Kanzel wird im übrigen einige mehr oder weniger temperamentvolle Appelle an das allgemeine Wohlverhalten der Anwesenden richten. Solche rhetorischen Höhepunkte sollen schweigend zur Kenntnis genommen und nicht mit Ausrufen wie "Bravo, der Mann!", "Weiter so!" oder "Hört, hört!" kommentiert werden. Von Applaus oder gar Pfiffen ist generell abzusehen.

Prinzipiell gilt: der Selten- verhält sich wie der Ständiggänger passiv; unabhängig von der Dauer der Festrede.

Auch musikalische Zuspielungen sollen keineswegs mit Rufen wie "Give it to me!" oder "Lauter!" gestört werden, da es sich hierbei um Live-Musik handelt, welche an der Rückwand des Raumes auf einem ungewöhnlich umfangreichen Instrument namens Orgel hergestellt wird.

Zwischendurch soll weder geraucht noch gar frühzeitig gegangen werden. Gegen Ende der Veranstaltung bekommen Sie von ihrem Nachbarn einen Beutel voller Geld überreicht. Überschwänglicher Dank ist unangebracht. Sie sollen lediglich Ihrerseits Geld in diesen Beutel hinein-, auf jeden Fall nicht aus ihm heraustun, und das Gerät schweigend weiterreichen.

Auch beim letzten gemeinsamen Aufstehen wird dann nicht die Nationalhymne zu Gehör gebracht, sondern ein kleines Abschiedslied geistlicher Natur intoniert, an dessen Ende Sie sich gemessenen Schrittes aus der Kirche zu entfernen haben.

Der Rest des Heiligen Abends schließlich ist dem Seltengänger wieder zur freien Gestaltung überlassen, wobei ihm das eben Erfahrene Richtschnur sein mag oder auch eher nicht.

Sonntag, 24. Juli 2011

Sokratischer Eid

Als Lehrer und Erzieher verpflichte ich mich,
  • die Eigenart eines jeden Kindes zu achten und gegen jedermann zu verteidigen;
  • für seine körperliche und seelische Unversehrtheit einzustehen;
  • auf seine Regungen zu achten, ihm zuzuhöhren, es ernst zu nehmen;
  • zu allem, was ich seiner Person antue, seine Zustimmung zu suchen, wie ich es bei einem Erwachsenen täte;
  • das Gesetz seiner Entwicklung, soweit es erkennbar ist, zum Guten auszulegen und dem Kind zu ermöglichen, dieses Gesetz anzunehmen;
  • seine Anlagen herauszufordern und zu fördern;
  • es zu schützen, wo es schwach ist, ihm bei der Überwindung von Angst und Schuld, Bosheit und Lüge, Zweifel und Misstrauen, Wehleidigkeit und Selbstsucht beizustehen, wo es das braucht;
  • seinen Willen nicht zu brechen - auch nicht, wo er unsinnig erscheint; ihm vielmehr dabei zu helfen, seinen Willen in die Herrschaft seiner Vernunft zu nehmen; es also den mündigen Verstandesgebrauch und die Kunst der Verständigung wie des Verstehens zu lehren;
  • es bereit zu machen, Verantwortung in der Gemeinschaft und für diese zu übernehmen;
  • es die Welt erfahren zu lassen, wie sie ist, ohne es der Welt zu unterwerfen, wie sie ist;
  • es erfahren zu lassen, was und wie das gemeinte gute Leben ist;
  • ihm eine Vision von der besseren Welt zu geben und Zuversicht, dass sie erreichbar ist;
  • es Wahrhaftigkeit zu lehren, nicht die Wahrheit, denn "die ist bei Gott allein".

Damit verpflichte ich mich,
  • so gut ich kann, selbst vorzuleben, wie man mit den Schwierigkeiten, den Anfechtungen und Chancen unserer Welt und mit den eigenen begrenzten Gaben, mit der eigenen immer gegebenen Schuld zurechtkommt,
  • nach meinen Kräften dafür zu sorgen, dass die kommende Generation eine Welt vorfindet, in der es sich zu leben lohnt und in der die ererbten Lasten und Schwierigkeiten nicht Ideen, Hoffnungen und Kräfte erdrücken,
  • meine Überzeugungen und Taten öffentlich zu begründen, mich der Kritik - insbesondere der Betroffenen und Sachkundigen - auszusetzen, meine Urteile gewissenhaft zu prüfen;
  • mich dann jedoch allen Personen und Verhältnissen zu widersetzen - dem Verbandsinteresse, der Dienstvorschrift - wenn sie meine hier bekundeten Vorsätze behindern.

    Ich bekräftige diese Verpflichtung durch die Bereitschaft, mich jederzeit an den ihr enthaltenen Maßstäben messen zu lassen.

    aus: Hentig, Hartmut von: Die Schule neu denken.

    Montag, 4. April 2011

    Diplom-Wordle

    Ich hab grad mal aus lauter Quatsch meine Diplomarbeit gewordelt. Das ist dabei rausgekommen:

    ...und ich bin sehr zufrieden. :D

    Freitag, 18. März 2011

    „Wo warst du, Gott?“

    Der Gottesdienst am kommenden Sonntag wird in vielen Gemeinden auch im Zeichen der Erdbeben- und Nuklearkatastrophe in Japan stehen. Dieser zweite Sonntag der Passionszeit heißt „Reminiscere“. Er ist benannt nach einem Vers aus Psalm 25: „Gedenke (lat. Reminiscere) Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind“ (Psalm 25,6). Das Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat eine Fürbitte für Japan formuliert, die sie den Gemeinden gerne anbietet.
    Sie hat folgenden Wortlaut:

    Du Gott des Lebens,
    in unserem Erschrecken und mit unseren Sorgen wenden wir uns zu dir.
    Bilder der Todesflut und der Zerstörung gehen uns nach,
    Ängste vor einer atomaren Verseuchung treiben uns um.
    Wo warst Du, Gott, als das Chaos in Deine gute Schöpfung einbrach?
    Du Gott des Lebens,
    wir bitten dich für alle vom Unglück betroffenen Menschen,
    denen der Boden unter den Füßen wegbrach,
    die mit knapper Not davonkamen,
    deren Zukunft ungewiss ist.
    Wir bitten dich für die, die ihrer Heimat beraubt wurden,
    die verzweifelt nach ihren Familien und ihren Freunden suchen,
    die um ihre Lieben trauern.
    Gib ihnen Kraft für die naheliegenden Aufgaben,
    und lass sie an ihrem Schicksal nicht verzagen.
    Du Gott des Lebens,
    wir kommen heute zu dir mit unserer Sorge
    angesichts zerstörter Atomreaktoren.
    Wir bitten für alle, die zu retten und zu helfen versuchen:
    Schenke ihnen Geistesgegenwart und Kraft.
    Stehe den Verantwortlichen bei,
    dass sie die richtigen Entscheidungen treffen
    und die Risiken recht einschätzen.
    Hilf, dass die Gefährdeten Schutz finden
    und dass die tödliche Strahlung eingedämmt werden kann.
    Du Gott des Lebens,
    dir vertrauen wir uns an.
    Du hast das Leben erschaffen und den Tod besiegt.
    Auf dich hoffen wir in unserer Sorge
    und unserer Angst.
    Erhöre unser Rufen
    und nimm unser Bitten barmherzig an.
    Pressemitteilung der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vom 17. März 2011. http://www.ekd.de

    Montag, 14. März 2011

    Thesenpapier

    In meiner Diplomarbeit habe ich mich damit beschäftigt, wie gesellschaftliche Verantwortung und gemeindepädagogisches Handeln zusammen passen können. Da dieses Thema sehr groß ist, habe ich es anhand des 13. Februar in Dresden untersucht.

    Der 13. Februar ist der Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden 1945, bei denen ein Großteil der Stadt zerstört wurde. An und um diesen Tag hat sich in Dresden eine öffentliche Gedenkkultur gebildet.

    1. Das Phänomen des 13. Februar besitzt eine gemeindepädagogische Relevanz.

    Das öffentliche Handeln rund um den 13. Februar hat im Laufe der Jahre für die Stadt Dresden und ihre Bürger eine so große Bedeutung erlangt, dass auch viele Menschen davon betroffen sind, die zum 13. Februar 1945 selbst gar keinen Bezug haben. Nach dem der Gemeindepädagogik zugrunde liegendem Bildungsbegriff (Bildung ist immer auch Persönlichkeitsbildung) ist es sinnvoll und wichtig, ein solch großes Ereignis in die gemeindepädagogische Bildungsverantwortung vor Ort mit aufzunehmen.

    Hinzu kommt, dass die Kirchen von Anfang an an der Gestaltung des Jahrestages beteiligt waren.

    Die gesellschaftliche Verantwortung zur Beteiligung wahrzunehmen, dazu ist Gemeindepädagogik aus zwei Gründen sogar herausgefordert:
    1. Theologische Gründe: Das biblische Menschenbild geht von der Geschöpflichkeit und damit dem Gewollt-Sein eines jeden Menschen aus, die wiederum Grund für seine unveräußerliche Würde sind. Außerdem sind Christen berufen zur aktiven Nächstenliebe, Solidarität und Menschlichkeit.
    2. Demokratische Gründe: Kirche als Gemeinschaft von Christen stellt eine große gesellschaftliche Institution dar. Sie ist damit sozusagen als NGO (Non-Governmental Organization) zu sehen, die in einer demokratischen Gesellschaft (zumindest im deutschen Kontext) mitreden und ihre Perspektiven einbringen kann und muss, damit ein Bild des Ganzen entstehen kann. Demokratie lebt von dieser Mitbestimmung.
    Da der 13. Februar also für die Gemeindepädagogik - zumindest in Dresden selbst - ein relevantes Thema ist, muss im nächsten Schritt nach möglichen Anknüpfungspunkten gesucht werden.

    2. Für Gemeindepädagogik - als Teil der kirchlichen Handlungsdimensionen, insbesondere des kirchlichen Bildungs- und Kommunikationsauftrages - gibt es Anknüpfungspunkte am und um den 13. Februar in Dresden.

    Die folgenden 3 Thesen beschreiben diese Anknüpfungspunkte. Die Reihenfolge ist dabei nicht hierarchisch, sondern eher parallel zu sehen.

    3. Gemeindepädagogik als kirchliche Handlungsprofession mit Bildungsauftrag hat die Möglichkeit, den "Mythos Dresden" zu hinterfragen mit dem Ziel, ein möglichst realistisches Bild der Luftangriffe auf Dresden sowie ihrer Vor- und Nachgeschichte zu schaffen.

    Der „Mythos Dresden“ ist kurz gesagt die Symbolisierung Dresdens als unschuldige Kunststadt, die in einer einzigartigen Katastrophe plötzlich und sinnlos zerstört wurde. Entwickeln konnte sich dieser Mythos durch das Verfälschen oder auch nur Verschieben der Wahrnehmungen der Tatsachen vor allem durch drei Aspekte: die Propaganda Goebbels', die internationalen Umstände und die Augenzeugenberichte. Der Mythos wurde dabei so stark verfestigt, dass Dresden bis heute in den Köpfen vieler Menschen als Symbol sinnloser und unmenschlicher Zerstörung existiert.

    Die Beschäftigung mit der Historie des 13. Februar und den Entwicklungen in den Jahren danach bis heute hat gezeigt, dass das öffentliche Handeln um den 13. Februar von Anfang an politisch instrumentalisiert wurde: in der Vergangenheit angefangen mit dem NS-Regime über die sowjetischen Besatzer bis zur DDR-Regierung während und auch nach dem kalten Krieg. Die jeweils Herrschenden nutzten den Jahrestag der Luftangriffe, um ihre Interessen zu verbreiten und stützten sich dabei oft auf diesen Mythos.

    Auch nach der Wende bis heute wurde und wird der Jahrestag politisiert. Heute ist das spezielle Problem, dass vor allem Neonazis den Anlass nutzen, um Nazideutschland geschichtsrevisionistisch als Opfer darzustellen und die Kriegsverbrechen der Nazis zu verharmlosen, indem sie in ihren öffentlichkeitswirksamen Inszenierungen, Dresden mit Auschwitz oder Buchenwald gleichsetzen. (Zerstörung DD = Bombenholocaust) Auch sie können an den Mythos anknüpfen und dadurch Gehör finden.

    Reflektiert wird dieser Mythos, insbesondere auch die Schuldfrage, öffentlich nur sehr wenig, meist sogar nur von Gruppen, die in der medialen Darstellung als „linke Chaoten“ oder „Linksextremisten“ bezeichnet werden. Ihnen wird Verfassungsfeindlichkeit unterstellt und ihre Ansichten damit in der öffentlichen Wahrnehmung als nicht ernstnehmbar abgewertet.

    Ihre Kritik greift zum Beispiel die Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof auf. Dabei geht es zum einen um die fragwürdige Symbolik des Rondells der Memorialanlage, in dem Dresden in eine Reihe gestellt wird mit Vernichtungslagern (Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Ravensbrück, Sachsenhausen, Theresienstadt), mit von der Wehrmacht zerstörten Städten (Coventry, Leningrad, Rotterdam, Warschau) und den Massakern an der Zivilbevölkerung durch die SS (Lidice, Oradour) . Zum andern geht es um das Ritual der Kranznierderlegung selbst, die stille Teilnahme von Neonazis daran und der offiziellen Teilnahme der NPD seit ihrem Einzug in den Landtag.

    Ein weiterer Kritikpunkt ist der Opfermythos. Dresden war nicht die unschuldige, unbeteiligte Stadt, sondern war sehr wohl Austragungsort nationalsozialistischer Symbolik somit Teil Nazideutschlands. Auch wenn die zivilen Luftkriegsopfer zu beklagen sind, muss aber doch darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Krieg eindeutig von Deutschland aus ging.

    Die öffentliche Gedenkkultur wird von linken Gruppen als öffentliche Trauerinszenierung gewertet, die bis zu einer Ehrenbekundung der Gefallenen hin ausgelegt werden kann.

    Das bürgerliche Engagement gegen Neonazis in Form von Demonstrationen oder auch der Menschenkette sehen sie kritisch, weil solche Aktionen von ihnen nicht als echtes Engagement gegen Neonazismus, sondern als Wiedergutmachungsveranstaltungen der Deutschen gewertet werden. Kritisch sehen sie auch die Gefahr des dabei entstehenden Lokalpatriotismus, wenn bspw. Davon gesprochen wird "unsere Stadt" gegen Neonazis zu schützen.

    Da Kirche in diesem Zusammenhang in der breiten Öffentlichkeit meist eine ausgleichende Wirkung und ein positives, friedliches Image hat, kann sie an dieser Stelle anfangen, vermittelnd zu wirken und den Argumenten der Kritiker Gehör verschaffen.

    Damit wird gleichzeitig dem Problem des Neonazismus durch Aufklärung begegnet.

    4. Gemeindepädagogik ist dazu aufgerufen, Räume schaffen zum persönlichen Gespräch und zum Trauern.

    An der Entwicklung des 13. Februar ist problematisch, dass, durch die massive Politisierung des Jahrestags, für die Überlebenden, Angehörigen oder sonstigen Personen, die einen Bezug zum 13. Februar 1945 haben, eine tatsächliche Trauerbewältigung fehlt und diese durch eine Gedenkkultur ersetzt wurde.

    Da die Arbeit mit Trauernden ist seit Jahrhunderten eine der Grundaufgaben von Kirche und Gemeindepädagogik ist, bietet es sich an, auch hier einen Anknüpfungspunkt zu setzen. Kirchgebäude, Kapellen und natürlich Gräber bzw. Friedhöfe sind für viele Menschen geeignete Orte, um ihre Trauer erleben zu können.

    Manche der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges leiden heute unter posttraumatischen Störungen, weil es im Alter häufig zu einem verstärkten Wiedererinnern früherer traumatischer Erlebnisse kommt. Einige von ihnen haben vielleicht nie über das Erlebte gesprochen. Therapiemöglichkeiten gab es in der Nachkriegszeit nicht. Diese Menschen, die den Luftangriff meist als Kind oder Jugendlicher erlebt haben, sind heute über 65 Jahre alt und viele von ihnen nehmen die Angebote der Seniorenarbeit der Dresdner Gemeinden wahr.

    Gemeindepädagogen können an dieser Stelle zwar keine Therapieangebote stellen, weil sie dafür nicht ausgebildet sind, aber es ist möglich, im Rahmen des seelsorgerischen Handelns Räume zum persönlichen Gedenken des Einzelnen zu schaffen, bei dem es nicht um historisch-politische Korrektheit geht, sondern um rein menschliches Empfinden.

    5. Gemeindepädagogik steht in der Pflicht, die kirchliche Gedenktradition am Horizont gesellschaftlicher Aktualität zu reflektieren und gegebenenfalls neue Handlungskonsequenzen zu entwickeln.

    Die heutigen öffentlichen Gedenktraditionen, die sich meist jedes Jahr wieder finden, sind:
    • die Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof,
    • der Abendgottesdienst in einer der Innenstadtkirchen bzw. das Friedensgebet,
    • das stille Gedenken an der Frauenkirche
    • und seit diesem Jahr vielleicht auch die Menschenkette um die Altstadt.
    Diese Traditionen sind historisch gewachsen im Zusammenhang der jeweiligen gesellschaftlichen Situation. Das stille Gedenken an der Frauenkirche beispielsweise spielt in der Gedenkkultur Dresdens bis heute eine wichtige Rolle. Die erste Veranstaltung dieser Art war eine der Grundlagen für die Entstehung der Friedensbewegung in der DDR. Diese Bewegung und die damit verbundenen Gedenk- und Versöhnungsveranstaltungen am 13. Februar waren damals gesellschaftlich von großer Bedeutung. Die gesellschaftliche Bedeutung sowie der Grund des Gedenkens selbst haben sich aber seit der Wiedervereinigung verändert. An dieser Stelle ist zu fragen, ob diese Tradition noch zeitgemäß und sinnvoll ist oder doch eher nur eine Ablenkung vom Neonaziproblem darstellt.

    Für Menschen, die die Entstehung des stillen Gedenkens miterlebt haben, hat es sicherlich auch heute noch eine große persönliche Bedeutung. Die Nach-Wende-Generation aber hat dazu keinen Bezug mehr. Es muss also überlegt werden, ob ein neuer Bezug herzustellen ist. Parallel dazu sollte nach neuen, gesellschaftlich relevanteren Möglichkeiten der Gestaltung des Jahrestages gesucht werden.

    Die von mir genannten Anknüpfungspunkte sind Vorschläge, die – je nach Gemeinde - in der aktuellen gesellschaftlichen Situation möglich wären. Diese Situation ist aber veränderbar, sodass sich möglicherweise auch neue Anknüpfungspunkte ergeben können.

    6. Das Phänomen des 13. Februar ist nicht nur als historisches Geschehen zu sehen, sondern entwickelt sich unter vorherrschenden gesellschaftlichen Bedingungen gegenwärtig und zukünftig weiter, sodass die gemeindepädagogische Auseinandersetzung damit in naher Zukunft nicht abgeschlossen werden kann.

    Die Frage danach, wie sich eine Kirchgemeinde aus der geschichtlichen Tradition des Gedenkens heraus positioniert, kann politisch eventuell eine Gratwanderung sein. Denn das Gute dieser Tradition - die Verknüpfung des stillen Gedenkens mit der Friedensbewegung der DDR - soll ja an sich nicht aufgegeben werden. Dennoch sollten Kirchgemeinden - vielleicht gerade aus dieser guten Tradition heraus - nicht die Augen vor dem Missbrauch dieses Tages in der heutigen Zeit verschließen.