Montag, 14. März 2011

Thesenpapier

In meiner Diplomarbeit habe ich mich damit beschäftigt, wie gesellschaftliche Verantwortung und gemeindepädagogisches Handeln zusammen passen können. Da dieses Thema sehr groß ist, habe ich es anhand des 13. Februar in Dresden untersucht.

Der 13. Februar ist der Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden 1945, bei denen ein Großteil der Stadt zerstört wurde. An und um diesen Tag hat sich in Dresden eine öffentliche Gedenkkultur gebildet.

1. Das Phänomen des 13. Februar besitzt eine gemeindepädagogische Relevanz.

Das öffentliche Handeln rund um den 13. Februar hat im Laufe der Jahre für die Stadt Dresden und ihre Bürger eine so große Bedeutung erlangt, dass auch viele Menschen davon betroffen sind, die zum 13. Februar 1945 selbst gar keinen Bezug haben. Nach dem der Gemeindepädagogik zugrunde liegendem Bildungsbegriff (Bildung ist immer auch Persönlichkeitsbildung) ist es sinnvoll und wichtig, ein solch großes Ereignis in die gemeindepädagogische Bildungsverantwortung vor Ort mit aufzunehmen.

Hinzu kommt, dass die Kirchen von Anfang an an der Gestaltung des Jahrestages beteiligt waren.

Die gesellschaftliche Verantwortung zur Beteiligung wahrzunehmen, dazu ist Gemeindepädagogik aus zwei Gründen sogar herausgefordert:
  1. Theologische Gründe: Das biblische Menschenbild geht von der Geschöpflichkeit und damit dem Gewollt-Sein eines jeden Menschen aus, die wiederum Grund für seine unveräußerliche Würde sind. Außerdem sind Christen berufen zur aktiven Nächstenliebe, Solidarität und Menschlichkeit.
  2. Demokratische Gründe: Kirche als Gemeinschaft von Christen stellt eine große gesellschaftliche Institution dar. Sie ist damit sozusagen als NGO (Non-Governmental Organization) zu sehen, die in einer demokratischen Gesellschaft (zumindest im deutschen Kontext) mitreden und ihre Perspektiven einbringen kann und muss, damit ein Bild des Ganzen entstehen kann. Demokratie lebt von dieser Mitbestimmung.
Da der 13. Februar also für die Gemeindepädagogik - zumindest in Dresden selbst - ein relevantes Thema ist, muss im nächsten Schritt nach möglichen Anknüpfungspunkten gesucht werden.

2. Für Gemeindepädagogik - als Teil der kirchlichen Handlungsdimensionen, insbesondere des kirchlichen Bildungs- und Kommunikationsauftrages - gibt es Anknüpfungspunkte am und um den 13. Februar in Dresden.

Die folgenden 3 Thesen beschreiben diese Anknüpfungspunkte. Die Reihenfolge ist dabei nicht hierarchisch, sondern eher parallel zu sehen.

3. Gemeindepädagogik als kirchliche Handlungsprofession mit Bildungsauftrag hat die Möglichkeit, den "Mythos Dresden" zu hinterfragen mit dem Ziel, ein möglichst realistisches Bild der Luftangriffe auf Dresden sowie ihrer Vor- und Nachgeschichte zu schaffen.

Der „Mythos Dresden“ ist kurz gesagt die Symbolisierung Dresdens als unschuldige Kunststadt, die in einer einzigartigen Katastrophe plötzlich und sinnlos zerstört wurde. Entwickeln konnte sich dieser Mythos durch das Verfälschen oder auch nur Verschieben der Wahrnehmungen der Tatsachen vor allem durch drei Aspekte: die Propaganda Goebbels', die internationalen Umstände und die Augenzeugenberichte. Der Mythos wurde dabei so stark verfestigt, dass Dresden bis heute in den Köpfen vieler Menschen als Symbol sinnloser und unmenschlicher Zerstörung existiert.

Die Beschäftigung mit der Historie des 13. Februar und den Entwicklungen in den Jahren danach bis heute hat gezeigt, dass das öffentliche Handeln um den 13. Februar von Anfang an politisch instrumentalisiert wurde: in der Vergangenheit angefangen mit dem NS-Regime über die sowjetischen Besatzer bis zur DDR-Regierung während und auch nach dem kalten Krieg. Die jeweils Herrschenden nutzten den Jahrestag der Luftangriffe, um ihre Interessen zu verbreiten und stützten sich dabei oft auf diesen Mythos.

Auch nach der Wende bis heute wurde und wird der Jahrestag politisiert. Heute ist das spezielle Problem, dass vor allem Neonazis den Anlass nutzen, um Nazideutschland geschichtsrevisionistisch als Opfer darzustellen und die Kriegsverbrechen der Nazis zu verharmlosen, indem sie in ihren öffentlichkeitswirksamen Inszenierungen, Dresden mit Auschwitz oder Buchenwald gleichsetzen. (Zerstörung DD = Bombenholocaust) Auch sie können an den Mythos anknüpfen und dadurch Gehör finden.

Reflektiert wird dieser Mythos, insbesondere auch die Schuldfrage, öffentlich nur sehr wenig, meist sogar nur von Gruppen, die in der medialen Darstellung als „linke Chaoten“ oder „Linksextremisten“ bezeichnet werden. Ihnen wird Verfassungsfeindlichkeit unterstellt und ihre Ansichten damit in der öffentlichen Wahrnehmung als nicht ernstnehmbar abgewertet.

Ihre Kritik greift zum Beispiel die Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof auf. Dabei geht es zum einen um die fragwürdige Symbolik des Rondells der Memorialanlage, in dem Dresden in eine Reihe gestellt wird mit Vernichtungslagern (Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Ravensbrück, Sachsenhausen, Theresienstadt), mit von der Wehrmacht zerstörten Städten (Coventry, Leningrad, Rotterdam, Warschau) und den Massakern an der Zivilbevölkerung durch die SS (Lidice, Oradour) . Zum andern geht es um das Ritual der Kranznierderlegung selbst, die stille Teilnahme von Neonazis daran und der offiziellen Teilnahme der NPD seit ihrem Einzug in den Landtag.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Opfermythos. Dresden war nicht die unschuldige, unbeteiligte Stadt, sondern war sehr wohl Austragungsort nationalsozialistischer Symbolik somit Teil Nazideutschlands. Auch wenn die zivilen Luftkriegsopfer zu beklagen sind, muss aber doch darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Krieg eindeutig von Deutschland aus ging.

Die öffentliche Gedenkkultur wird von linken Gruppen als öffentliche Trauerinszenierung gewertet, die bis zu einer Ehrenbekundung der Gefallenen hin ausgelegt werden kann.

Das bürgerliche Engagement gegen Neonazis in Form von Demonstrationen oder auch der Menschenkette sehen sie kritisch, weil solche Aktionen von ihnen nicht als echtes Engagement gegen Neonazismus, sondern als Wiedergutmachungsveranstaltungen der Deutschen gewertet werden. Kritisch sehen sie auch die Gefahr des dabei entstehenden Lokalpatriotismus, wenn bspw. Davon gesprochen wird "unsere Stadt" gegen Neonazis zu schützen.

Da Kirche in diesem Zusammenhang in der breiten Öffentlichkeit meist eine ausgleichende Wirkung und ein positives, friedliches Image hat, kann sie an dieser Stelle anfangen, vermittelnd zu wirken und den Argumenten der Kritiker Gehör verschaffen.

Damit wird gleichzeitig dem Problem des Neonazismus durch Aufklärung begegnet.

4. Gemeindepädagogik ist dazu aufgerufen, Räume schaffen zum persönlichen Gespräch und zum Trauern.

An der Entwicklung des 13. Februar ist problematisch, dass, durch die massive Politisierung des Jahrestags, für die Überlebenden, Angehörigen oder sonstigen Personen, die einen Bezug zum 13. Februar 1945 haben, eine tatsächliche Trauerbewältigung fehlt und diese durch eine Gedenkkultur ersetzt wurde.

Da die Arbeit mit Trauernden ist seit Jahrhunderten eine der Grundaufgaben von Kirche und Gemeindepädagogik ist, bietet es sich an, auch hier einen Anknüpfungspunkt zu setzen. Kirchgebäude, Kapellen und natürlich Gräber bzw. Friedhöfe sind für viele Menschen geeignete Orte, um ihre Trauer erleben zu können.

Manche der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges leiden heute unter posttraumatischen Störungen, weil es im Alter häufig zu einem verstärkten Wiedererinnern früherer traumatischer Erlebnisse kommt. Einige von ihnen haben vielleicht nie über das Erlebte gesprochen. Therapiemöglichkeiten gab es in der Nachkriegszeit nicht. Diese Menschen, die den Luftangriff meist als Kind oder Jugendlicher erlebt haben, sind heute über 65 Jahre alt und viele von ihnen nehmen die Angebote der Seniorenarbeit der Dresdner Gemeinden wahr.

Gemeindepädagogen können an dieser Stelle zwar keine Therapieangebote stellen, weil sie dafür nicht ausgebildet sind, aber es ist möglich, im Rahmen des seelsorgerischen Handelns Räume zum persönlichen Gedenken des Einzelnen zu schaffen, bei dem es nicht um historisch-politische Korrektheit geht, sondern um rein menschliches Empfinden.

5. Gemeindepädagogik steht in der Pflicht, die kirchliche Gedenktradition am Horizont gesellschaftlicher Aktualität zu reflektieren und gegebenenfalls neue Handlungskonsequenzen zu entwickeln.

Die heutigen öffentlichen Gedenktraditionen, die sich meist jedes Jahr wieder finden, sind:
  • die Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof,
  • der Abendgottesdienst in einer der Innenstadtkirchen bzw. das Friedensgebet,
  • das stille Gedenken an der Frauenkirche
  • und seit diesem Jahr vielleicht auch die Menschenkette um die Altstadt.
Diese Traditionen sind historisch gewachsen im Zusammenhang der jeweiligen gesellschaftlichen Situation. Das stille Gedenken an der Frauenkirche beispielsweise spielt in der Gedenkkultur Dresdens bis heute eine wichtige Rolle. Die erste Veranstaltung dieser Art war eine der Grundlagen für die Entstehung der Friedensbewegung in der DDR. Diese Bewegung und die damit verbundenen Gedenk- und Versöhnungsveranstaltungen am 13. Februar waren damals gesellschaftlich von großer Bedeutung. Die gesellschaftliche Bedeutung sowie der Grund des Gedenkens selbst haben sich aber seit der Wiedervereinigung verändert. An dieser Stelle ist zu fragen, ob diese Tradition noch zeitgemäß und sinnvoll ist oder doch eher nur eine Ablenkung vom Neonaziproblem darstellt.

Für Menschen, die die Entstehung des stillen Gedenkens miterlebt haben, hat es sicherlich auch heute noch eine große persönliche Bedeutung. Die Nach-Wende-Generation aber hat dazu keinen Bezug mehr. Es muss also überlegt werden, ob ein neuer Bezug herzustellen ist. Parallel dazu sollte nach neuen, gesellschaftlich relevanteren Möglichkeiten der Gestaltung des Jahrestages gesucht werden.

Die von mir genannten Anknüpfungspunkte sind Vorschläge, die – je nach Gemeinde - in der aktuellen gesellschaftlichen Situation möglich wären. Diese Situation ist aber veränderbar, sodass sich möglicherweise auch neue Anknüpfungspunkte ergeben können.

6. Das Phänomen des 13. Februar ist nicht nur als historisches Geschehen zu sehen, sondern entwickelt sich unter vorherrschenden gesellschaftlichen Bedingungen gegenwärtig und zukünftig weiter, sodass die gemeindepädagogische Auseinandersetzung damit in naher Zukunft nicht abgeschlossen werden kann.

Die Frage danach, wie sich eine Kirchgemeinde aus der geschichtlichen Tradition des Gedenkens heraus positioniert, kann politisch eventuell eine Gratwanderung sein. Denn das Gute dieser Tradition - die Verknüpfung des stillen Gedenkens mit der Friedensbewegung der DDR - soll ja an sich nicht aufgegeben werden. Dennoch sollten Kirchgemeinden - vielleicht gerade aus dieser guten Tradition heraus - nicht die Augen vor dem Missbrauch dieses Tages in der heutigen Zeit verschließen.